Au-pair in Northern Norway

Nach dem Abitur war ich ca. 10 Monate auf Sørøya, einer Insel in Nordnorwegen westlich von Hammerfest, als männlicher Au-pair. Die deutsch-norwegische Familie, bei der ich war, hat zwei Söhne, die ich zu betreuen hatte. Das waren die beiden Racker Tobias (3 Jahre) und Johannes (18 Monate). Hier möchte ich einen kleinen Einblick geben, wie ein typischer Tag dort so ungefähr ablief :

"Meistens war ich nicht den ganzen Tag für die Kinder zuständig, aber ab und zu waren die Eltern weg und ich hatte die beiden rund um die Uhr zu betreuen. Wie sich bald erwies, war das eine echte Herausforderung und wenn die beiden abends endlich im Bett waren, war auch ich reif für selbiges.

Ein typischer Tag beginnt zwischen 7 Uhr und 9 Uhr damit, daß erste Geräusche aus dem Kinderzimmer zu hören sind. Kurz danach öffnet sich die Tür und einer der beiden kommt auf leisen Sohlen ins Eßzimmer geschlichen. Die Äugchen sind noch halb geschlossen, denn so ganz aufgewacht ist er noch nicht. Also darf er erstmal auf dem Schoß sitzen, bis der Schlaf ganz vertrieben ist.

Nun soll das morgendliche Ritual von Frühstücken, Anziehen und Zähneputzen folgen, davon wollen die Kleinen aber nichts wissen; sie möchten am liebsten sofort anfangen zu spielen. Der Jüngere muß zudem zuerst gewickelt werden, eine Aktion die je nach Kampfkraft zwischen 10 und 25min in Anspruch nehmen kann, denn er muß ja vorher ausgezogen und hinterher wieder angezogen werden, alles Dinge die er manchmal mit aller Gewalt zu verhindern versucht (und seine Kraft und Durchsetzungswillen sind nicht unerheblich). Am Frühstückstisch muß ich höllisch aufpassen, daß die beiden nicht nur rumkaspern, sondern auch ihre Brote essen (und nicht nur deren Belag) oder beides dem Hund verfüttern, der sie dezent dazu zu animieren versucht. Danach sind beide anzuziehen, die Zähne zu putzen und die Gesichter zu waschen und einzucremen. Auch dies erfordert des öfteren viel Überredungskunst, ehe es gelingt. Manchmal ist es schon fast elf, ehe alles geschafft ist.

Tobias und Johannes
Meine beiden Au-pair Kinder auf einem Ausflug Anfang September im Øyfjord auf Sørøya.

Jetzt wird je nach Wetter entweder drinnen oder aber meistens draußen gespielt. Dazu muß man wissen, daß die norwegischen Kinder bei fast jedem Wetter draußen spielen, sie werden eben dementsprechend eingepackt. Der Jüngere sieht mit dickem Wollpulli und Schneeanzug dabei schon etwas hilflos aus, ist aber vollkommen zufrieden und verblüffend beweglich. Oft komme ich mit raus, manchmal nutze ich aber auch die Zeit, um in der Küche und dem Haus ein bißchen aufzuräumen. Die Erfolge dieser Bemühungen werden zwar von den beiden Wirbelwinden sofort wieder zunichte gemacht, aber ganz ohne geht es doch nicht. Bin ich mit draußen, so muß auch ich mich richtig dick einpacken, denn als Erwachsener bewegt man sich viel weniger als die Kleinen und fängt sonst über kurz oder lang zu frieren an.

Zu Mittag gibt es Lunch in der Küche, entweder Brot oder oft auch warmen Haferbrei, der mit etwas Sahne, Zucker und Zimt gegessen wird. Danach spiele ich mit dem Älteren im Wohnzimmer, während der Jüngere einen Mittagsschlaf hält. Er darf aber nicht zu lang schlafen, denn sonst ist er abends nicht ins Bett zu bekommen. Gegen halb Fünf gibt es die warme Mahlzeit, das "Mittagessen", das ich gekocht habe, oft mit tatkräftiger "Hilfe" meiner beiden Schützlinge. Auch hier muß ich wieder darauf achten, daß sie von allem ein bißchen essen (und nicht nur das Fleisch oder den Fisch).

Je nach Kondition der beiden gehen wir jetzt nochmal raus oder spielen im Haus. Sind die beiden etwas gereizt, lese ich ihnen eine Geschichte vor, das beruhigt die Gemüter. Gegen 19 Uhr gibt es dann Abendessen und das abendliche Ritual von Schlafanzug anziehen und Zähneputzen. Auch dies kann wieder in einen länger andauernden Kampf ausarten, wobei es natürlich für die beiden nichts schöneres gibt, als mir zu widersprechen und mich mit allen Mitteln zu boikottieren: Schlafanzüge kann man schließlich wieder ausziehen und das Zähneputzen ist auch ziemlich schwierig, wenn keinerlei Kooperation an den Tag gelegt wird.

Sind die beiden glücklich im Bett, lese ich noch eine Gutenacht-Geschichte für sie. Dann schliessen wir den Tag mit einem Spruch und einem Schlaflied ab. Der Jüngere schläft auch meistens von alleine ein, während ich mich zum Älteren ins Bett legen muß, damit auch er einschlafen kann. Ist das geschafft, kann ich endlich den Tisch abräumen und in der Küche das Geschirr waschen. Sind die Eltern inzwischen wieder zuhause, gehe ich noch ein Stündchen mit dem Hund spazieren, der diese Ausflüge gewohnt und ohne sie kaum im Haus auszuhalten ist. Bin ich alleine, hat der Hund Pech gehabt und wird auf morgen vertröstet. Mit etwas Glück, kann ich jetzt selber ins Bett gehen und mich für den nächsten (Kampf)Tag ausschlafen. Oft wacht aber der Ältere ein- bis dreimal mitten in der Nacht nach einem Albtraum auf und muß getröstet und wieder beruhigt werden."

Soviel zu meinen Erfahrungen mit den Kindern. Es hat mir aber trotz manchem anstrengenden Tag sehr viel Spaß gemacht, auf die Kinder aufzupassen und sie wachsen zu sehen. Außerdem fand ich es sehr schön, einmal so richtig in eine andere Kultur hineinschauen zu können und mitzuerleben, wie man anderswo lebt. Ich kann jedem nur wärmstens empfehlen, selber eine solche Erfahrung zu machen, wenn sich die Gelegenheit dafür bietet !
Armin

Diesen Bericht schrieb' ich für eine Freundin, die eine Broschüre über Auslandsaufenthalte für Jugendliche zusammengestellt hat. Wer noch mehr über meine Erfahrungen als Au-pair in Norwegen wissen möchte, darf sich gerne bei mir melden. Am einfachsten geht's per Email unter
"armins@gmx.net".



Hier noch ein Gedicht zu einem ähnlichen Thema, das mir sehr gut gefällt:

     Kinderkram

Ein Kind weint still,
das andre will
einfach
verstanden sein.
Dies brüllt vor Wut,
und dem geht's gut,
schläft
geliebt und geborgen ein.
Ob ein Kind glücklich lacht,
sich Gedanken macht
oder vor Angst
in die Kissen wühlt:
Als Kinderkram
wird oft abgetan,
was ein Kind
so denkt und fühlt.
             von Susanne Kilian